Titel: Schicksal
Autorin: Zeruya Shalev

Auf dem Sterbebett ihres Vaters erfährt Atara von dessen erster Frau Rachel, die er Zeit seines Lebens nicht vergessen konnte, vor seiner Familie jedoch immer verschwiegen hat. Aber wer war diese Rachel, die mit dem Vater im Widerstand war (Untergrundorganisation Lechi) – damals, als die Briten noch die Macht im Land hatten?
Atara bittet Rachel um ein Gespräch – doch da deren Sohn anwesend ist, erfährt Atara nicht viel. Ein paar Tage später bekommt sie die Einladung, erneut nach Jerusalem zu reisen. Indes erkrankt Ataras Ehemann schwer. Eine schwere Darmgrippe, so zumindest vermutet man im Krankenhaus. Doch der vermeintliche Darminfekt entpuppt sich als Sepsis. Zwei Tage später ist Atara Witwe und bleibt mit ihrem Sohn zurück, dem die letzten Worte seines Vaters nicht mehr aus dem Kopf gehen und der sich auf die Suche nach einem Sinn macht – ausgerechnet bei Rachels Sohn, dem Rabbiner.

Der Roman wird abwechselnd aus Ataras Sicht und dann wieder aus Sicht der alten Rachel erzählt. Beide sind von Schuldgefühlen zerfressen — Atara hat das Gefühl, für ihren Mann stets weniger da gewesen zu sein als für ihre Kinder und seine Krankheit nicht ernst genug genommen zu haben. Rachel wiederum war für ihre Söhne nie greifbar, denn die Erlebnisse ihrer frühen Jugend (die vielen toten Freunde) haben sie kalt und hart werden lassen, vor allem aber ist Rachel, die für die Existenz Israels damals alles aufs Spiel gesetzt hat, enttäuscht, dass sie und ihre Mitkämpfer*innen nach wie vor als Terroristen angesehen werden, dass ihre Taten nie gewürdigt und dass die Opfer nie anerkannt wurden. Immerhin gäbe es Israel nicht ohne sie. Wie kann ihr älterer Sohn ihre Taten nur mit denen der Palästinenser gleichsetzen? 

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Während ich die Beziehungsgeschichte des Ehepaares beziehungsweise der Patchwork-Familie wahnsinnig schön beschrieben fand – der Tod von Ataras Ehemannes hat mich so richtig mitgenommen, ich musste das Buch direkt weglegen – kam mir die Geschichte der alten Rachel ein kleines bisschen zu kurz.
Vor allem der Mittelteil ist aber sehr packend und eindringlich ist, sodass ich ihn dennoch in meine Empfehlungen aufnehme. Die Autorin zeichnet ein modernes Bild vom Lebens in Israel – das geprägt ist von privaten Sorgen und der verloren gegangenen Illusion auf ein friedliches Zusammenleben. 

Titel: Schicksal
Autorin: Zeruya Shalev
Übersetzung aus dem Hebräischen: Anne Birkenhauer
Verlag: Berlin Verlag
Erscheinungsjahr: 2021
Seiten: 416
ISBN: 978–3‑8270–1186‑2