Titel: Männer sterben bei uns nicht
Autorin: Annika Reich

Ganz am Anfang stehen 2 Frauenleichen, die — im Abstand von 9 Monaten – am Ufer des prächtigen Anwesens, auf dem Luise heranwächst, angeschwemmt werden. Wirkliche Antworten bekommt die Zehnjährige auf ihre Fragen jedoch nicht, denn alle wollen, dass Luise schnell vergisst, was sie gesehen hat.
Wer jetzt glaubt dass es sich bei “Männer sterben bei uns nicht” um einen Krimi handelt, liegt falsch. Der Umgang mit den Ereignissen sagt jedochiel über Luises Familienmitglieder aus, denn jede reagiert auf ihre ganz eigene Art.

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Wenn Frauen zu Herrscherinnen werden

5 Häuser gibt es insgesamt auf dem Anwesen am See, auf nur Frauen leben, denn die Männer sind alle gegangen.
Luises Großmutter, die strenge Patriarchin, herrscht und bestimmt über das Leben ihrer Tochter, Schwiegertochter und Enkeltöchter. Die Großmutter liebt teuren Schmuck, den der abwesende Großvater ihr zukommen lässt,  und sie liebt die prunkvollen Feste, die sie regelmäßig ausrichtet. Sie ist auch diejenige, die festlegt, wie sich die anderen zu kleiden haben – am Tag und am Abend. 
Wer das Spiel mitspielt, wird belohnt.
Schon früh ist Luise Großmutters Augenstern,und  schon früh ist klar: Sie soll einmal die spätere Herrin des Anwesens werden.

Es ist eine unheimliche, beklemmende Stimmung, die Annika Reich in ihrem Roman heraufbeschwört. Denn die Frauen können einander weder Liebe noch Trost schenken. Trotzdem sind sie eng aneinander gebunden, wie es scheint.
Auch die 5 Häuser sind einander zugewandt, die Frauen haben sich also stets im Blick. Eines der Häuser ist das von Marianna, Großmutters Tochter und Tante von Luise. Sie und ihre Tochter Olga kommen immer nur am Wochenende. Dazwischen kann es vorkommen, dass die Großmutter in Abwesenheit der Tochter einfach die Möbel austauscht – denn Marianna und Olga sind ganz und gar nicht so, wie die Großmutter sie gern hätte. Sie sind ihr zu plump, sie haben keinen Stil.

Auch Leni, Luise große Schwester, entspricht den Erwartungshaltungen der Großmutter nicht. Der rebellische Teenager wird fortgeschickt, aufs weit entfernte Internat, Leni soll Luise nicht negativ beeinflussen. Auch zu Besuch darf Leni nicht mehr kommen 

Luise leidet sehr unter der Abwesenheit ihrer älteren Schwester, mit der sie immer eng verbunden war und die sie als Einzige verstanden hat, sehr
Luises Mutter, die schon früh vom Vater der Mädchen verlassen wurde, wehrt sich nicht gegen die Macht der Schwiegermutter. Sie verdrängt die eigenen Gefühle und fügt sich — der Tochter zuliebe, die einmal alles erben soll, wie sie sich selbst einredet. 

Auf dem Anwesen wohnen auch außerdem noch Luises 2. Oma, die ihrer Mutter einst eine denkbar schlechte Mutter gewesen ist, weswegen das Verhältnis zwischen den beiden mehr als angespannt ist. Und dann gibt es die Bedienstete. Sie ist die warmherzigste von allen. 

Das 5. Haus – das Haus der Männer — steht leer. Es ist eigentlich tabu für Luise – aber als ihre Schulkollegin beim gemeinsamen Spiel ins Innere schlüpft, folgt sie ihr.

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Familiengeschichte als Geschichte von Frauen

“Männer sterben bei uns nicht” ist voll der vagen Andeutungen. In abwechselnden, kurzen Kapiteln erfahren wir einerseits von den zurückliegenden Geschehnissen in Luises Kindheit und erleben andererseits den Tag von Großmutters Beerdigung mit, an dem alle zusammenkommen. 
Es geht um Familiengeheimnisse, um Mißtrauen und um Schuld. Nicht alle Fragen werden am Ende restlos geklärt, und das ist gut so. 

Am Ende bleibt die Frage, wieso die Frauen nie aus den patriarchalen Strukturen ausgebrochen sind. Die Großmutter, die kein Opfer sein wollte, hat sie viel mehr perfektioniert und wurde selbst zur gnadenlosen Herrscherin. Nicht Geborgenheit und Wärme, sind es, die die Kinder bei ihr erfahren, sondern das Streben nach Macht und herrschaftlicher Pracht. Nur wer mitspielt, wird von der Großmutter belohnt, andere werden verstoßen. 
Durch das Zusammentreffen mit ihrer älteren Schwester muss die erwachsene Luise schließlich erkennen, dass sie ihrer herrischen Großmutter weit ähnlicher ist, als sie es selbst wahrhaben möchte.

Annika Reich beleuchtet Beziehungsdynamiken zwischen Müttern, Großmüttern und Enkelinnen und stellt dabei unweigerlich die Frage in den Raum, ob es möglich gewesen wäre, diese Beziehungen anders zu gestalten. Wie wäre es, wenn eine Gesellschaft Liebe und Solidarität in den Vordergrund stellt und nicht das Streben nach Macht, das ganz dem martialischen patriarchalen Weltbild entspringt.

Titel: Männer sterben bei uns nicht
Autorin: Annika Reich
Verlag: Hanser
Erscheinungsjahr: 2023
Seiten: 208
ISBN: 978–3‑446–27587‑4
Leseprobe/ Verlag

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